New Work: Zukunft ohne Arbeit?

Teil 1: Eine kurze Geschichte der Arbeitsmoral – Marx, Weber, Henry Ford und Ludwig Erhard zeigen: New Work ist die logische Konsequenz einer dynamischen Entwicklung.

Die Gesellschaft unterliegt einem ständigen Wandel. Technischer Fortschritt sowie Entwicklungen wie die Globalisierung und der demografische Wandel haben auch die Einstellung der Menschen zur Arbeit enorm verändert. Nach Zeiten des Wirtschaftswunders und der kapitalistischen Blüte bestimmen aktuell Themen wie Work-Life-Balance, 4-Tage-Woche oder Quiet Quitting die Diskussionen. Aber wie kam es zu dieser Veränderung und was bedeutet New Work für die Zukunft?

Quiet Quittung beschreibt das Verhältnis des Arbeitnehmers zu seiner Arbeit. In diesem Fall beschreibt es die Distanzierung des Mitarbeitenden von seinem Arbeitgeber und seiner Arbeit. Beim Quiet Quitting tut man nur noch das Nötigste, macht pünktlich Feierabend, lässt Laptop und Handy auf der Arbeit und widmet sich mit mehr Zeit und Einsatz seinem Privatleben. Menschen, die Quiet Quitting betreiben, sind nicht mehr bereit, für Arbeit und Überstunden das Privatleben zu opfern.

Um diesen Fragen auf den Grund zu gehen, lohnt sich ein Blick zurück auf die Entwicklung der Arbeitsethik in Deutschland und der westlichen Welt. Schließlich genießt Deutschland seit jeher den Ruf des Landes der zuverlässigen und fleißigen Arbeit. Selbst der Status als “Land der Dichter und Denker”, der zu Zeiten von Schiller und Goethe geprägt wurde, scheint in den vergangenen Jahrzehnten von dem Mythos “Arbeitsland Deutschland” verdrängt worden zu sein. 

Der Ursprung der Arbeitsethik

Doch woher kommt der Fleiß der Deutschen? Vielen gilt die protestantische Arbeitsethik, die der Soziologe Max Weber prägte, als Ursprung. Nach Arbeiten von Marx und Engels, die die Produktionsweisen des Kapitalismus als unsozial kritisiert und als Ursprung der Klassengesellschaft ausgemacht hatten1, formulierte Weber eine Interpretation der Arbeit: Seine Theorie zur protestantischen Arbeitsethik, die in gewisser Weise als Gegenentwurf zu Marx “Kapital” gesehen werden kann und das Verhältnis der Deutschen zur Arbeit auf Jahrzehnte prägen sollte. 

Während Marx mit kapitalistischen Produktionsweisen eine Bildung und Zementierung gesellschaftlicher Klassen sah und die Rechte der Arbeitnehmer:innen stärken wollte, nahm Weber diese in seinen Ausführungen von 1904 in die Pflicht: Arbeit definierte er calvinistisch als „Rationales Handeln“2,3.  Zeitvergeudung galt ihm sogar als die „schwerste aller Sünden“ – in einer Zeit, in der ländliche Arbeit noch selbstverständlich war und die industrielle Revolution einen immer stärkeren, produzierenden Sektor hervorbrachte. 

“Das sittlich wirklich Verwerfliche ist nämlich das Ausruhen auf dem Besitz, der Genuss des Reichtums mit seiner Konsequenz von Müßigkeit und Fleischeslust. […] Und nur weil der Besitz die Gefahr dieses Ausruhens mit sich bringt, ist er bedenklich. […] Nicht Muße und Genuss, sondern nur Handeln dient nach dem unzweideutig geoffenbarten Willen Gottes zur Mehrung seines Ruhmes. Zeitvergeudung ist also die erste und prinzipiell schwerste aller Sünden.”

(Max Weber, Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus, S. 166.)

Die katholische Berufs- und Arbeitsethik formulierte schließlich einen ersten Gegenentwurf, der Arbeit als Berufung durch Gott definierte. Dass Arbeit als “fundamentale Form personaler Selbstverwirklichung“ bzw. “Dienst für die Mitmenschen” angesehen und die Ausübung eines Berufes in theologischer Hinsicht als “Mitschöpfung” des Menschen und Möglichkeit der Erlösung erachtet wurde4, zeigt eine erste Abkehr der zuvor rein rational gedachten Aufgabe von Arbeit.

Trotz aller Unterschiede eint die protestantische und katholische Vorstellungen von Arbeit dennoch, dass die fleißige und pflichtbewusste Erfüllung von Arbeit einen zentralen Teil eines tugendhaften Lebens darstellt.

Ein Pionier: Henry Ford

Nur wenige Jahre später trat in Amerika ein gewisser Henry Ford auf den Plan. Als einer der ersten Revolutionäre der kapitalistischen Arbeitswelt etablierte er in seinem Werk in Detroit ab dem Jahr 1914 die Arbeit nach dem Fließprinzip und der Arbeitsteilung. Dadurch konnte er die Produktionskosten seiner Automobile signifikant senken. Neben der Produktionsweise veränderte Ford die Arbeitszeiten gleich mit: Im Zuge seiner Effektivitätssteigerung im Werk verkürzte er die Arbeitszeit auf 8 Stunden täglich, verdoppelte zugleich die Löhne und senkte den Preis des Ford T von 810 auf 310 Dollar5.

Das Ergebnis: Die Ford-Mitarbeitenden mussten aufgrund der Fließarbeitslösung hart arbeiten, waren aber durch vergleichsweise hohe Löhne und mehr Freizeit privilegiert. Zudem genügten nun drei Monatslöhne für den Kauf eines eigenen Ford – eine bis dahin nahezu unerreichbare Anschaffung für Werksarbeiter.. Ford schlug also gleich drei Fliegen mit einer Klappe: Er verbesserte die Motivation und damit die Produktivität seiner Mitarbeiter signifikant, schaffte eine neue Gruppe potentieller Kunden und stieg in nur einem Tag zu einem der beliebtesten Arbeitgeber des Landes auf. 

Arbeit und Lohn konnten plötzlich Freizeit und Selbstverwirklichung außerhalb der Arbeit sowie eine neue gesellschaftliche Teilhabe ermöglichen. Fachkräfte aus ganz Amerika zog diese Aussicht nach Detroit, um sich einen Arbeitsplatz beim Automobilhersteller zu sichern. Der Ausgang dieser Revolution ist bekannt: Das 1903 gegründete Unternehmen schrieb eine Erfolgsgeschichte und gehört bis heute zu den größten Automobilherstellern der Welt. 

„Wo Menschen am längsten arbeiten und damit die geringste Freizeit haben, kaufen sie die wenigsten Güter.“

Henry Ford

Arbeit zwischen Kriegen und kulturellen Blüten

Im weiteren 20. Jahrhundert setzte sich die industrielle und gesellschaftliche Entwicklung weiter fort. Auch wenn die erste Hälfte des Jahrhunderts hauptsächlich von Krieg und Zerstörung geprägt war, etablierte sich  in der Weimarer Republik eine konsum- und freizeitorientierte Massenkultur, die das Leben außerhalb der Arbeit verstärkt in den Fokus rückte. Ein finanzkräftiges Bürgertum amüsierte sich in den Opernhäusern und Theatern der Großstädte und zelebrierte das Leben.6

Die goldenen Zwanziger Jahre zwischen den beiden Weltkriegen prägten eine Hochzeit der Kunst- und Kulturszene mit einem avantgardistischen Lebensstil, die jedoch nicht alle in der Bevölkerung erreichte. Vielmehr war die Gesellschaft der Weimarer Republik zutiefst gespalten. Außerhalb der großen, belebten Städte war das Leben der Menschen in den Jahren nach dem Weltkrieg vor allem durch Landarbeit und einfache, körperlich harte Tätigkeiten geprägt. Zudem hatten viele Arbeiterfamilien mit wirtschaftlichen Nöten zu kämpfen und mussten am Rande des Existenzminimums leben. 

Dennoch, oder gerade deswegen, wurde in der Weimarer Republik auch der Grundstein für die heutigen Gewerkschaften gelegt. Diese wurden bereits 1916 anerkannt und setzten in der Folge mit dem Achtstundentag bei vollem Lohnausgleich und kollektiven Tarifverträgen ihre Hauptforderungen durch. Im Gegenzug verzichteten sie auf die umgehende Sozialisierung der deutschen Wirtschaft.7

Noch bevor der kulturelle Aufschwung die gesamte Bevölkerung erreichen konnte, endete mit dem zunehmenden Einfluss der NSDAP sowie der Machtergreifung Hitlers die Weimarer Republik und mit ihr die Fortschritte des vorangegangenen Jahrzehnts. Statt kultureller Hochzeit stand Arbeit nun wieder im Fokus des politischen und gesellschaftlichen Handelns. Sie wurde als Dienst für das Vaterland und an der Volksgemeinschaft definiert und propagiert. So ist es auch wenig überraschend, dass der 1. Mai unter Hitler vom „Kampftag der Arbeiterklasse“, in einen „Tag der nationalen Arbeit“ umdefiniert wurde. „Ehret die Arbeit und achtet den Arbeiter!“ war das offizielle Motto des 1. Mai 1933, das wieder mehr an traditionelle Interpretationen der Arbeit erinnerte. Diese Interpretation der Arbeit als Dienst an der Nation und für den Krieg war zentraler Teil von Hitlers Propaganda und blieb somit über seine Diktatur stabil.

Nach 12 Jahren NS-Regime und dem Ende des Zweiten Weltkriegs waren Deutschland und dessen Wirtschaft am Boden. Mit Hilfe der Alliierten und dem „Marshall“-Plan konnte sie wieder Fahrt aufnehmen und den Wiederaufbau vorantreiben. Die Aufgabe der Deutschen: Mit harter, kollektiver Arbeit die Schäden des Krieges reparieren – individuelle Selbstverwirklichung und eine florierende Kunst- und Kulturszene lagen zu dieser Zeit in weiter Ferne.

Der Marshall-Plan hat seinen Namen vom damaligen amerikanischen Außenminister George C. Marshall. Dieser verabschiedete am 3. April 1948 das European Recovery Program, ein Wiederaufbauprogramm für europäische Länder, die nach dem Krieg mit wirtschaftlicher Not und politischer Instabilität zu kämpfen hatten. Insgesamt wurden 12,4 Milliarden Dollar nach Europa transferiert. Die größten Empfängerländer waren Großbritannien und Frankreich.

Das Wirtschaftswunder 

Bereits in den 1950er Jahren konnten die Früchte der harten Arbeit im Nachkriegsdeutschland geerntet werden: Nicht nur, dass die Wirtschaft sich zügig von den Folgen des Krieges erholte; sie wuchs durch die Förderung der Bergbau- und Stahlindustrie im Ruhrgebiet sowie durch Erfolge im Maschinenbau, der Chemie und der Elektroindustrie sogar sehr schnell an. Dadurch konnte die politische und gesellschaftliche Lage stabilisiert werden und das “deutsche Wirtschaftswunder” war geboren.  

So lebte die Erzählung der fleißigen Arbeitenden in Deutschland erneut auf: Körperliche Arbeit und ein Fokus auf den produzierenden Sektor zeichneten das neue Jahrzehnt aus. In  den Jahren 1950 bis 1963 nahm die Industrieproduktion um 185 Prozent zu, neue Unternehmen entstanden, viele Exportwaren wurden produziert, die Arbeitslosenquote war niedrig und der Wohlstand überall sichtbar. „Wohlstand für Alle“ wurde schnell zum Ziel der Bundesregierung um Bundeskanzler Konrad Adenauer und Wirtschaftsminister Ludwig Erhard, der die Soziale Marktwirtschaft prägte. Diese sollte jeden belohnen, der mit Arbeit seinen Anteil am wirtschaftlichen Aufschwung der Bundesrepublik beitrug.8

Daher wehrte sich Ludwig Erhard stets gegen den Begriff des “Wirtschaftswunders”, da er den wirtschaftlichen Aufstieg der Bundesrepublik als eine Folge von harter Arbeit, Wiederaufbauleistung und dem Verzicht auf die Erfüllung persönlicher Konsumbedürfnisse sah – und nicht als ein Wunder, das eher zufällig über Nacht geschehen war.

“Lassen Sie mich ein offenes Wort sprechen: Wir müssen uns entweder bescheiden oder mehr arbeiten. Die Arbeit ist und bleibt die Grundlage des Wohlstandes:” 

Ludwig Erhard (1963)

Steigender Kapitalismus, Optimierung der Arbeitskraft und “Hustle Culture”

In der Folge entwickelte sich Deutschland  zur weltweiten Wirtschaftsmacht und einer der größten Exporteure der Welt. Eine starke Wirtschaft war und ist auch in den Jahren bis zur Jahrtausendwende stets politischer Wille und auch weiterhin prägend für die Arbeitsethik der Deutschen, sodass sich ,unterstützt durch die immer weiter florierende Wirtschaft, ein stark kapitalistisch geprägtes Weltbild durchsetzte. Grundlage hierfür war einmal mehr der  große Einsatz der Arbeitenden sowie die systematische Maximierung der Arbeitskraft durch die Arbeitgebenden. Schneller, Höher, Weiter – das olympische Motto schien die gesamte Welt im Griff zu haben.

Dieses kapitalistische und materialistische Verständnis setzte sich auch in den nächsten Jahren durch. Geprägt durch die Nachkriegsgenerationen, die in den Jahren nach dem Krieg in erster Linie materielle Bedürfnisse befriedigen mussten, waren diese Werte auch in der Generation der “Baby-Boomer” (geboren zwischen 1955 und 1964) zentral. Diese übernahmen das materialistische Weltbild und priorisierten die Pflichten der Arbeit nach dem Vorbild ihrer Eltern. Zur Not auch auf Kosten der individuellen Selbstverwirklichung oder von Freundschaften. Dank der weiter  florierenden Wirtschaft, steigendem Wohlstand und politischer Sicherheit kehrten ab den 1970er-Jahren Geld, Konsum und Kultur als Statussymbole oder Inhalt der Freizeitgestaltung zurück. Erste Individualbedürfnisse wie die Steigerung der Lebensqualität, die Zugehörigkeit zu einer sozialen Gruppe sowie die genannte Selbstverwirklichung bahnten sich langsam ihren Weg.

Viele fanden sich, trotz gesellschaftlichem und kulturellem Aufschwung, in einem Hamsterrad zwischen Arbeit und der Befriedigung der eigenen Konsumbedürfnisse wieder – ein kapitalistisches Meisterstück, was die (günstige) Arbeitskraft, ähnlich wie bei Henry Ford, direkt zum Kunden der eigenen Produkte und Erhalter des Systems machte. Gefangen in diesem Kreislauf und angespornt vom gesellschaftlichen Druck prägte die “Hustle-Culture” ab sofort die Büros und Arbeitsplätze der westlichen Welt, um immer mehr Geld zu verdienen und immer mehr Konsum zu ermöglichen. 

“Hustle Culture” bezeichnet die Einstellung, alles für den Job zu geben und sich sehr über seine Arbeit und seine Leistung zu definieren. Dies geht oft mit langen Arbeitszeiten und harter Arbeit einher. Die “Hustle Culture” ist eng mit dem American Dream verknüpft, der proklamiert, mit harter Arbeit alle persönlichen Ziele erreichen zu können.

Postmaterialistischer Wandel: Zeit wird zu einem wichtigen Gut 

Als nächste Stufe der Bedürfnispyramide wurden etwa mit der Jahrtausendwende die Individualbedürfnisse immer dringender und rückten weiter in den Fokus. Egal ob soziale Beziehungen, Hobbys oder andere Wege der Selbstverwirklichung, die persönlichen Prioritäten von Arbeitnehmenden entfernten sich zunehmends von Beruf und Arbeit. Es begann eine Periode, in der das Gut der (Frei-)Zeit  immer wichtiger wurde. Zeit, die bisher, auch über die vertraglich vereinbarte Arbeitszeit hinaus, dem Beruf und den Arbeitgebenden gewidmet wurde. Die Gleichung, mehr Konsum durch mehr Arbeit zu ermöglichen, geht im 21. Jahrhundert daher für immer weniger Menschen auf. Zeit wird wichtiger als Geld und so nimmt in einer politisch friedlichen Zeit die Bedeutung der Arbeit erstmals seit der Weimarer Republik wieder ab.

Mit dieser Entwicklung einhergehendverliert das produzierende und industrielle Gewerbe stetig an Bedeutung. Die postindustrielle und (post-)moderne Gesellschaft zeichnet sich dagegen durch “durch die Zunahme des Dienstleistungssektors”9 sowie eine steigende Bedeutung kreativer Jobs aus. Zudem steigt der Wert des Wissens und der Information, was vom britischen Soziologen Anthony Giddens gar als „wichtigste strategische Ressource, von der die Gesellschaft abhängt“, benannt wird.10

Mit dieser Entwicklung beobachtet Giddens einen Verfall der Arbeitsethik und die Betonung eines „freieren, lustbetonteren Lebensstil[s]”10 sowie eine steigende Bedeutung der Selbstverwirklichung. Diese Veränderung, die nahezu in allen Gesellschaften der westlichen Welt zu beobachten ist, bezeichnet der US-amerikanische Politologe Ronald Inglehart als “postmaterialistischen Wertewandel”11,12, der sich durch eine Verschiebung der Lebensprioritäten auszeichnet – weg von materiellen Werten wie Vermögen und Besitztum hin zu postmateriellen Werten wie Selbstverwirklichung, Familie, Freundschaft und Toleranz. 

Besonders zu beobachten ist dieser Wertewandel in den “High-Income-Countries”, die sich aufgrund ihrer ökonomischen Lebenssituation weniger grundlegenden Bedürfnissen widmen können. Gerade in diesen Wohlstandsländern und deren jungen Generationen X (1965-1979), Y (1980-1994) und Z (ab 1995) werden in der Folge konsequent die Lebensentwürfe älterer Generationen in Fragen gestellt –  nicht weil diese Lebensentwürfe grundlegend falsch gewesen sein sollen, sondern schlicht weil der früher gelebte private Verzicht und berufliche Fleiß oftmals nicht mehr notwendig erscheint.

 „Die Arbeitsdisziplin, die für den Industrialismus charakteristisch war, lässt in der postindustriellen Ordnung nach. Die Menschen haben der Gestaltung ihrer Arbeit und ihres Privatlebens einen größeren Innovationsspielraum gegeben.”

Anthony Giddens (Soziologie, 1999, S.567)

Die Ansprüche der jungen Generationen an Jobs, Arbeitnehmer und ihre Mitmenschen  werden größer, die Bereitschaft, Opfer für Beruf und Karriere zu bringen, kleiner. „Nicht nur die Art und Weise, wie wir denken, sondern auch der Inhalt unserer Ideen hat sich gewandelt. Ideale der Selbstvervollkommnung, der Freiheit, der Gleichheit und der demokratischen Beteiligung sind weitgehend Erfindungen der vergangenen zwei oder drei Jahrhunderte“, führt Giddens aus und bestätigt damit die Theorien Ingleharts.

Nicht selten führt dies zum Vorwurf der Faulheit – ausgesprochen von älteren Generationen, gerichtet an die jüngeren. Doch der dargestellte Wandel von Arbeitsmoral im Kontext historischer und wirtschaftlicher Veränderungen zeigt, dass eine solche pauschale Aussage zu kurz greift. Eine andere Sichtweise klingt plausibler: Junge Generationen sind systemkritisch, setzen wenig Vertrauen in den Leitsatz “früher war alles besser”, sondern ziehen ihre Konsequenzen aus steigenden Zahlen arbeits- und bzw. oder stressbedingter psychischer Krankheiten und wollen nicht mehr Teil kapitalistischer Hamsterräder sein. Ihre Antwort auf die Entwicklungen des vom Kapitalismus gesteuerten Arbeitsmarktes, der ihnen ein besseres Leben verspricht, das sie jedoch anders als Generationen zuvor nicht mehr anstreben müssen, liegt in der Suche nach dem Sinn – egal ob bei der Arbeit oder im Privatleben. Daraus ergibt sich auch eine Prägung der heutigen Gesellschaft durch eine beobachtbare Pluralisierung von Lebensformen und Lebensstilen sowie einem schwindenden Bedeutungsverlust der Arbeit.

Work-Life-Balance, 4-Tage-Woche und Bedingungsloses Grundeinkommen

Neben den neuen moralischen Ansprüchen der jungen Generationen gibt es viele weitere Entwicklungen, die die Arbeit und die Arbeitsethik verändern. Die fortschreitende technische und digitale Entwicklung automatisiert viele Jobs und treibt einen Strukturwandel voran, der Deutschland unweigerlich von einer Industrienation in eine Dienstleistungs- und Wissensgesellschaft überführt. In dieser werden besonders kreative und dienstleistungsbezogene Jobs benötigt, die keine strikte Anwesenheit voraussetzen. 

Für diese neuen Arbeitsweisen und das neue Verständnis von Arbeit, benötigt es neue Arbeitsmodelle und eine neue Interpretation des Begriffs “Arbeit”. „Work is a thing to do, not a place to go“ heißt es zum Beispiel in einem Imagefilm von Microsoft. Dieser Satz beschreibt ziemlich passend die neue Philosophie, die das Arbeiten der Zukunft prägt. Arbeit soll nicht nur sinnvoll, sondern, soweit möglich, unabhängig von Raum und Zeit sein.

Während der Covid-19-Pandemie erlebte das Homeoffice einen Aufschwung und wurde in nahezu allen Unternehmen umgesetzt. Ermöglicht wurde so eine gute Vereinbarkeit von Arbeit und Familie sowie mehr Freiheiten in der Tagesgestaltung. Viele Entwicklungen der “Work-Life-Balance”-, “Modern Work”-, “Working Well”-Bewegungen wurden beschleunigt – und konnten beweisen, dass sie der Produktivität der Mitarbeitenden nicht im Weg stehen. Ganz im Gegenteil, vielmehr konnte diese gleichsam mit der Zufriedenheit der Angestellten gesteigert werden.13

Da sich die jungen Generationen nicht mehr mit der “Hustle-Culture” identifizieren können, braucht es jedoch auch darüber hinaus neue Modelle der Arbeit. Besonders für die Generationen Y und Z hört „Modern Work“ und „Working Well“ nämlich nicht mit dem Homeoffice auf, sondern beginnt dort erst: Ein angenehmes Arbeiten, Nachhaltigkeit und ein tieferer Sinn der Arbeit stehen im Vordergrund. Themen wie Purpose und Impact werden intensiv diskutiert und stehen im öffentlichen Fokus.

Daher werden nun auch weitere grundlegende Modelle der Arbeitszeit diskutiert: 6-Stunden-Tag, 4-Tage-Woche, unbegrenzter Urlaub oder gar das Bedingungslose Grundeinkommen sind allesamt Versuche, die zeitliche Dominanz der Arbeit in den Alltagen der Menschen zu brechen und ihnen mehr Selbstbestimmung über ihre eigene Zeit und das eigene Leben zu geben. 

Ist die deutsche Wirtschaft in Gefahr?

Im Rückblick wirkt das wie eine Abkehr von deutschen Tugenden und Einstellungen, die Deutschland stets ausgemacht haben und den Ursprung des wirtschaftlichen Erfolgs der Bundesrepublik gebildet haben. Viele stellen sich daher mit Blick auf die (vermeintlich) schwindende Arbeitsmoral und moderne Arbeitszeitmodelle die Frage: Kann das funktionieren und welche Auswirkungen hat das für die deutsche Wirtschaftskraft? Besonders in Zeiten von Pandemien und Kriegen, die direkt vor unserer Haustür stattfinden und unmittelbaren Einfluss auf die westlichen Ökonomien haben.

Die Antwort ist: Wir wissen es nicht. Zwar gibt es Experimente und Versuche, die darauf hindeuten, dass die 4-Tage-Woche, der 6-Stunden-Tag oder auch das (bedingungslose) Grundeinkommen nicht die Produktivität der Menschen schmälern, auf den Maßstab einer ganzen Nation ist dies aber schwer vorhersehbar – bei unserem kleinen Nachbar Belgien ist das Recht auf eine 4-Tage-Woche jedoch bereits schon gesetzlich verankert und es wird spannend sein, die Entwicklungen dort zu beobachten.14

New Work: Eine gesellschaftliche Debatte ist erforderlich

Die Veränderungen der letzten Jahrzehnte im Hinblick auf Arbeitsmoral, einhergehend mit der Verlagerung privater Prioritäten sollte Anlass genug sein, die Vor- und Nachteile von “New Work” breit und ergebnisoffen in der Gesellschaft zu diskutieren. Es gilt, Prioritäten neu auszuloten. 

Welche Bedeutung kommt der Wirtschaftskraft zu? Wollen wir wirtschaftlichen Wachstum um jeden Preis, auch wenn das bedeutet, dass Mitarbeitende trotz fortwährender Gewinnmaximierung immer weniger vom finanziellen Kuchen abbekommen, Fertigungsketten unsozial und unmoralisch sind, sodass Menschen verstärkt an psychischen Krankheiten leiden und keine Zeit mehr für ihre Familien und Freunde haben?

Welche Angebote und Zugeständnisse muss der Arbeitsmarkt, müssen Arbeitgebende, an die Arbeitnehmer:innen machen? Welche Zugeständnisse sind sinnvoll, welche eher nicht? Fakt ist: Aktuell bestimmen die Arbeitnehmer:innen den Arbeitsmarkt und um junge Talente zu überzeugen, müssen Unternehmen viel bieten. Das ist neu, lässt es aber zu, dass junge Fachkräfte diese Anforderungen stellen – nicht weil sie faul sind, sondern weil sie postmaterialistische Werte vertreten, die auf der Arbeit mit Vertrauen und Selbstbestimmung beginnen und mit Sinnhaftigkeit und Freiheit enden. Erfüllt man diese Werte, erhält man gute, engagierte Arbeitskräfte, die ihren Prinzipien treu sind und Dinge kritisch hinterfragen – nur halt eben in den vertraglich geregelten Grenzen.

Das Ziel ist also nicht eine Zukunft ohne Arbeit, sondern vielmehr eine Zukunft mit weniger Arbeit, in der die Frage des hinter der Arbeit stehenden Sinnes gleichberechtigt neben wirtschaftlichen Faktoren steht. Das kann für die Menschheit nur Fortschritt sein, solange sie es sich leisten kann. Ob die Gesellschaft in Deutschland das kann und ob damit “Wohlstand für alle” erreicht werden kann, gilt es zu diskutieren und soll in einem 2.Teil zu “New Work: Zukunft ohne Arbeit?” geklärt werden.

© Sokra 2022, https://sonjakrause-malerei.de/

1 Marx, K. (1867). Das Kapital: Kritik der politischen Ökonomie. Bd, 1(2), 86.

2 Weber, M. (1904). Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus (Vol. 1614). CH Beck.

3 Weber, M. (1922). Wirtschaft und Gesellschaft. Grundriss der verstehenden Sozio-logie, 4, 140-142.

4 Nothelle-Wildfeuer, N. (1994): Beruf. In: Walter Kasper (Hrsg.): Lexikon für Theologie und Kirche. 3. Auflage. Band 2. Herder.

5 https://www.ardalpha.de/wissen/geschichte/kulturgeschichte/henry-ford-automobil-auto-fliessband-erfinder-100.html

6 https://www.dhm.de/lemo/kapitel/weimarer-republik

7 https://www.dhm.de/lemo/kapitel/weimarer-republik/innenpolitik/gewerkschaften-in-der-weimarer-republik.html

8 https://www.planet-wissen.de/geschichte/deutsche_geschichte/wirtschaftswunder/index.html

9 Bell, D., & Summerer, S. (1985). Die nachindustrielle Gesellschaft. Campus-Verlag.

10 Giddens, A., Fleck, C., & Zilian, H. G. (1999). Soziologie. 2. überarb. Aufl. Graz, Wien.

11 Inglehart, R. (1989). Kultureller Umbruch. Wertwandel in der westlichen Welt. Frankfurt/New York.

12  Inglehart, R. (2018). Cultural evolution: people’s motivations are changing, and reshaping the world. Cambridge University Press

13 Nicholas Bloom, James Liang, John Roberts, Zhichun Jenny Ying, Does Working from Home Work? Evidence from a Chinese Experiment , The Quarterly Journal of Economics, Volume 130, Issue 1, February 2015, Pages 165–218.

14 https://www.sueddeutsche.de/politik/belgien-recht-auf-vier-tage-woche-1.5529214

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