New Work auf dem Prüfstand

Homeoffice, New Leadership, Scrum oder Kanban. Neuartige und zeitgemäße Arbeitsmethoden sind populär. Aber haben sie trotz ihrer stark beworbenen Vorzüge auch Nachteile? Eine kritische Auseinandersetzung im zweiten Teil zu New Work.

Einhergehend mit der Überführung einer Industrienation in eine Wissenschafts- und Dienstleistungsgesellschaft hat sich auch die Arbeitsmoral und das Verständnis, wie Arbeit sein sollte, verändert. New Work ist das Stichwort, dessen Entwicklungsgeschichte eingehend im ersten Teil New Work: Zukunft ohne Arbeit? beleuchtet wurde.

Ein Leben ganz ohne Arbeit ist zwar wahrscheinlich eine utopische Vorstellung, doch es stellt sich die Frage, ob New Work tatsächlich einen entscheidenden Beitrag leisten kann, sich selbst zu verwirklichen und individuelle Bedürfnisse zu befriedigen. Kann dieses Konzept nicht nur Zufriedenheit und Wohlbefinden der Beschäftigten garantieren, sondern auch ausreichend wirtschaftlichen Interessen gerecht werden? Oder kann es gar den Wohlstand eines Landes gefährden?

Doch bevor das Konstrukt New Work genauer unter die Lupe genommen wird, sollte geklärt werden, welche Modelle und Phänomene der modernen Arbeitswelt es umfasst.

Durch einen postmateriellen Wertewandel geprägt, sehnen sich gerade jüngere Generationen danach, Arbeit als einen sinnstiftenden Bereich ihres Lebens zu gestalten und sich in ihrer Tätigkeit zu verwirklichen. Im Kern möchte New Work diesen Wunsch durch innovative Ansätze erfüllen. Dabei geben sich auch Unternehmen große Mühe, ihre Attraktivität zu steigern, um Fachkräfte anzuwerben. Neben neuartigen Arbeitsplatzgestaltungen wie flexible Bürolandschaften, Sportangebote für Mitarbeitende oder gar Betreuungsmöglichkeiten für Kinder wird auf Digitalisierung und Dezentralisierung gesetzt. Beim sogenannten New Leadership werden autoritäre Führungsstile durch flache Hierarchien ersetzt, um Beschäftigte durch Motivation und Eigenverantwortung zu bestärken. Auch flexible Arbeitszeitmodelle sowie Jobsharing, bei dem sich mehrere Mitarbeitende eine Stelle teilen, sind wichtige Bausteine von New Work. Hinzu kommt der Einsatz agiler Arbeitsmethoden. Dabei finden Anwendungen wie Scrum oder Kanban Verwendung, um Prozesse zu optimieren, Arbeitsabläufe zu koordinieren und Resultate festzuhalten. Arbeitsschritte werden in übersichtliche Schemata eingefügt, die es erlauben, Aufgaben strukturiert abzuarbeiten. Durch den Einsatz sogenannter Boards, die Prozesse visualisieren, werden Fortschritte und Ergebnisse für alle am Projekt Beteiligten transparent.

Häufig wird das Stichwort New Work auch mit Homeoffice in Verbindung gebracht. Doch Heimarbeit ist nur eine Form von Remote Work, die sich immer größer werdender Beliebtheit erfreut. Auch Coworking Spaces, wo Menschen verschiedenster Tätigkeitsfelder aufeinandertreffen oder schlichtweg das Arbeiten von unterwegs, sind Bestandteile der neuen Arbeitswelt, die Flexibilität schaffen sollen. Außerdem ist Homeoffice nicht gleich Homeoffice. Neben der Möglichkeit der ausschließlichen Heimarbeit besteht auch die Option zu alternierender Telearbeit, bei der sowohl zeitweise vom Büro als auch von zu Hause aus gearbeitet werden kann.

Letztendlich resultieren aus all diesen Arbeitsmodellen größere Selbstständigkeit und Eigenverantwortung im Handeln und Entscheiden auf Seiten der Arbeitnehmenden. Durch Eigeninitiative soll die Motivation der Beschäftigten gestärkt und Produktivität gesteigert werden.1,2,3

Macht New Work unser Leben reicher? Eine kritische Auseinandersetzung.

Durch die Aussicht auf Selbstverwirklichung und die Befriedigung individueller Bedürfnisse erscheint New Work besonders attraktiv. Im Folgenden setzt sich das ana magazin  mit der Frage auseinander, welche Vor- und Nachteile neue Arbeitsmodelle mit sich bringen und was wir von unseren europäischen Nachbar:innen vielleicht noch lernen können.

Es ist unumstritten, dass eine ausgewogene Work-Life-Balance unerlässlich ist, um nachhaltig zufrieden und motiviert arbeiten zu können. Als Schlüssel hierzu wird häufig das Homeoffice genannt. Aber führt es tatsächlich zu einem ausgewogeneren Verhältnis zwischen Beruf und Freizeit, oder überschattet die Gefahr von Work-Life-Blending (Verschmelzung von Berufs- und Arbeitsleben) die vermeintlich positiven Effekte der Heimarbeit? 

Eine eindeutige Antwort scheint es nicht zu geben: Nach Analysen des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschungen sehen nur 50% der Befragten im Homeoffice eine bessere Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben. Allerdings zeigen die Erhebungen auch, dass Beschäftigte mit unerfülltem Wunsch nach Heimarbeit signifikant unzufriedener sind als diejenigen, die gelegentlich von zu Hause aus arbeiten dürfen oder können. Entgegenkommen dürfte dieser Gruppe, dass innovative Errungenschaften wie etwa der Breitbandausbau, die Weiterentwicklung mobiler Endgeräte sowie neue technische Lösungen zur Gewährleistung von Datensicherheit einen immer breiteren Rahmen schaffen, um dezentrales Arbeiten zu ermöglichen.4

Der Wunsch nach Remote Work scheint groß und die Motive sehr unterschiedlich. Nach einer Befragung des Hightech-Branchenverbands Bitkom verspürt jede:r Fünfte den Wunsch umzuziehen, um die eigene Wohnsituation zu verbessern, wenn die Möglichkeit des dezentralen Arbeitens bestünde. Bitkom-Präsident Achim Berg erklärt: 

„Durch den dauerhaften Trend zum Homeoffice sind viele Berufstätige weniger stark auf einen Wohnort in der Nähe des Arbeitgebers angewiesen. In der Corona-Krise hat flexibles Arbeiten einen kräftigen Schub erfahren und wird auch nach der Pandemie die neue Normalität in der Arbeitswelt prägen.“ 

Achim Berg, Präsident des Branchenverbands Bitkom

Weiter führt er aus, dass eine solche Veränderung Druck von stark verdichteten Städten nehmen und mäßigend auf Wohnkosten wirken könne.5

Über 56% der befragten Beschäftigten, die mindestens gelegentlich von zu Hause aus arbeiten, geben an, ihre Tätigkeit in Heimarbeit besser ausüben zu können. Auch die Fahrzeitersparnis sowie eine bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf stellt für über die Hälfte einen Vorteil dar. Unternehmen sehen nach eigenen Angaben allen voran einen positiven Nutzen von Homeoffice in der Flexibilität ihrer Mitarbeitenden und deren Kompatibilität von Familie und Beruf. Darüber hinaus teilten 45% der befragten Betriebe mit, von einer erhöhten Produktivität ihrer Angestellten zu profitieren.6

Doch Heimarbeit weist auch viele Kritikpunkte auf, die nicht nur auf Seiten von Arbeitgebenden eine Entscheidung gegen dieses Arbeitsmodell bewirken. Abgesehen davon, dass manche Tätigkeiten mobiles Arbeiten nicht zulassen, geben 66% der befragten Beschäftigten, die sich gegen Homeoffice aussprechen, an, dass ihre Anwesenheit ihrem/r Vorgesetzten wichtig sei und 59% vertreten die Meinung, dass Fernarbeit die Zusammenarbeit mit Kolleg:innen erschwere.7

Bei Betrachtung weitere Kritikpunkte wird deutlich, dass diese häufig Hand in Hand miteinander gehen. Würden notwendige technische Voraussetzungen geschaffen und mehr Entgegenkommen der Betriebe in Form von Vertrauen und Befugnissen gezeigt, bliebe neben der unerlässlichen Anwesenheit während bestimmter Tätigkeiten, das aussagekräftigste Argument gegen Heimarbeit, der Wunsch nach räumlicher Trennung von Beruf und Privatleben. Work-Life-Blending dient 56% der Befragten als Entscheidungskriterium gegen Homeoffice.8

Ein Fünftel der Betriebe gibt an, im Homeoffice eine erschwerte Zusammenarbeit von Kolleg:innen wahrzunehmen. Weitere Bedenken werden dem mangelnden Schutz von Daten und fehlenden Kontrollmöglichkeiten entgegengebracht: Denn Remote Work erfordert nicht nur ein hohes Maß an Autonomie und Verlässlichkeit seitens der Angestellten, sondern auch Vertrauen das Unternehmen ihren Mitarbeitenden entgegenbringen müssen. Fehlende technische Standards, können zudem häufig keinen sicheren Umgang mit sensiblen Inhalten gewährleisten. Hinzu kommt, dass der Datenschutz in Coworking Spaces oder während der mobilen Arbeit gefährdet ist, da hier vertrauliche Informationen – gewollt oder ungewollt – an die Öffentlichkeit gelangen könnten.9

Doch New Work bedeutet nicht nur Remote Work, sondern umfasst auch flexiblere Arbeitszeitmodelle wie Gleitzeit oder Vertrauensarbeit. Dieser in der Praxis immer häufiger umgesetzten Freiheit kommt nun das kürzlich erlassene bzw. präziser formulierte Arbeitszeiterfassungsgesetz (ArbZG) in die Quere. Nach einem Urteil des Bundesarbeitsgerichts (BAG) vom 13.09.2022 ist die Erfassung der Arbeitszeit verpflichtend. Bereits 2019 wurde das sogenannte „Stechuhr-Urteil“ gefällt, in dem der Europäische Gerichtshof (EuGH) die EU-Staaten aufforderte, ihre Arbeitgebenden zu verpflichten, die Arbeitszeiten ihrer Angestellten genau zu erfassen, um unbezahlte Überstunden zu verhindern.10

Eine berechtigte Überlegung, wenn man sich vor Augen führt, dass allein im Jahre 2021 von 1.711 Mio. absolvierten Überstunden in Deutschland mehr als die Hälfte nicht bezahlt wurden.11 Zustimmung erhält das Urteil von Gewerkschaften. So äußerte sich Anja Piel, Vorstandsmitglied des Deutschen Gewerkschaftsbunds, zum Arbeitszeiterfassungsgesetz (ArbZG) wie folgt:12 

„Diese Feststellung ist lange überfällig. Die Arbeitszeiten der Beschäftigten ufern immer mehr aus, die Zahl der geleisteten Überstunden bleibt seit Jahren auf besorgniserregendem Niveau.“

Anja Piel, Vorstandsmitglied des Deutschen Gewerkschaftsbunds

Allerdings regelt das Gesetz nicht, wie konkret diese Pflicht aussehen soll – Fragen nach der Dokumentation, der Kontrolle, Sanktionen bei Verstößen oder danach, welche Tätigkeiten im Einzelnen unter die Arbeitszeit fallen, werden nicht beantwortet. Zudem wird deutlich, dass für New Work charakteristische Modelle der Vertrauensarbeit nicht aufrechterhalten werden können. 

Selbstverwirklichung am Arbeitsplatz: Utopie oder Wirklichkeit?

Gerade in der Kreativbranche, in der geregelte Arbeitszeiten selten sind, könnte das ArbZG zu Schwierigkeiten in der Berufsausübung führen. Darüber hinaus gibt es Fälle, in denen Angestellte die gleiche Arbeit wesentlich schneller als ihre Kolleg:innen erfüllen. Sollen sie für ihre Produktivität bestraft werden, indem sie, um die verbliebene Arbeitszeit zu füllen, entweder mehr arbeiten oder Däumchen drehen müssen? 

Die Vermutung liegt nahe, dass das ArbZG  sich negativ auf die Arbeitsmotivation mancher Angestellte auswirken könnte. Zwar sieht die Utopie von New Work vor, sich auch im Beruf selbst verwirklichen zu können, aber aktuell zeigt sich in der Realität ein anderes Bild: Nach dem Gallup Report 2021 hätten nur 17% der Befragten eine emotionale Bindung zu ihrer Tätigkeit.13 Geben laut einer Umfrage des Instituts Yougov 56% der Befragten an, ihren Beruf – sofern keine finanzielle Abhängigkeit bestände – schnellstmöglich aufgeben zu wollen,14 sind tatsächlich zwei Fünftel der Erwerbstätigen aktiv auf der Suche nach einer alternativen Arbeitsstelle.15

Wenn eine Generation in Rente geht:

Neben der Unzufriedenheit seiner Beschäftigten hat der Arbeitsmarkt mit einem weiteren Problem zu kämpfen – nämlich mit dem Fachkräftemangel. Dass dieser sämtlichen Branchen in Deutschland Unbehagen bereitet, ist unumstritten. Im Juli 2022 gab fast die Hälfte der deutschen Unternehmen an, durch Personalmangel beeinträchtigt zu sein. Neben der in letzten zwei Jahre wütenden Corona-Krise, die den Arbeitsmarkt aufgewühlt und gerade in Hotellerie, Gastronomie sowie einigen Dienstleistungssektoren zu Abwanderungen geführt hat, ist maßgeblicher Faktor des Fachkräftemangels der demografische Wandel.16

Die Babyboomer-Generation – sprich diejenigen, die Ende der 1950er und Anfang der 1960er-Jahre geboren wurden – geht vermehrt in den Ruhestand. Hinzu kommt die abnehmende Geburtenrate, wohingegen der Stellenmarkt nicht kleiner wird. In zehn bis 15 Jahren werden Rentner:innen den größten Teil der Bevölkerung ausmachen. Da nach Prognosen des Instituts für Arbeitsmarkt und Berufsforschung in Zukunft immer weniger Menschen in EU-Staaten zwecks Jobsuche einwandern werden als bislang und jährlich eine Netto-Zuwanderung von 400.000 Personen auf den Arbeitsmarkt notwendig wäre, um die Folgen des demografischen Wandels zu kompensieren, kann Migration allein nicht die Lösung sein.17

Wie dem demografischen Wandel entgegenkommen?

Im Gespräch ist nun die 42h-Woche und der Vorschlag einiger Ökonom:innen, das Renteneintrittsalter gar auf 70 Jahre zu erhöhen. Wirtschaftswissenschaftler Michael Hüther, der diese Vorschläge verteidigt, erklärt, dass Kalkulationen zufolge bis 2030 drei Millionen Menschen weniger dem deutschen Arbeitsmarkt zur Verfügung stünden. Am Ende des Jahrzehnts fehlten folglich 4,2 Milliarden Arbeitsstunden pro Jahr, so Hüther.18

Bei diesen Vorschlägen dürften sich einige die Haare raufen. Arbeiten die Menschen denn nicht schon genug? Nach Zahlen der Bundesagentur für Arbeit (BA) üben bereits 3,5 Mio. der Deutschen einen Nebenjob aus und laut dem Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) gehen sogar 4,1 Mio. der Erwerbstätigen zwei Tätigkeiten nach. Damit hat sich die Zahl der Mehrfachbeschäftigung in den letzten 20 Jahren mehr als verdoppelt.19 Dass die Deutschen hingegen ökonomischer Vorschläge weniger arbeiten möchten, zeigt eine Umfrage des Instituts Yougov, die im Juni/Juli dieses Jahres durchgeführt wurde. Ihr zufolge würden 48 % der befragten Arbeitnehmenden in Teilzeit wechseln, wenn ihr:e Arbeitgeber:in dies zuließe.20 

Nun stellt sich die Frage, ob Zeit überhaupt der richtige Maßstab ist, um Arbeitskraft zu messen. Sollte die Effizienz eines Unternehmens nicht besser anhand ihrer Resultate gemessen werden? Aus welcher Motivation heraus sollten Arbeitnehmende den demografischen Wandel durch Mehrarbeit abfedern wollen? Ein Blick nach Belgien zeigt, dass Arbeitszeit auch anders organisiert werden kann.

Im Februar dieses Jahres führte Belgien bei gleichbleibender Arbeitszeit die 4-Tage-Woche ein. Ziel sei es, bis 2030 die Beschäftigtenquote von 71% auf 80% zu erhöhen. Dabei sei nach Premierminister DeCroo der erste Pfeiler, den Arbeitenden mehr Flexibilität und Freiheit zu verschaffen. So könnten sie Privat- und Berufsleben besser vereinbaren. Eine weitere Errungenschaft der belgischen Arbeitswelt ist zudem ein gesetzlich geregelter Zugang zu Weiterbildungsmaßnahmen.21

Ob Belgiens Konzept Früchte tragen wird, wird sich erst in den nächsten Jahren zeigen. Ergebnisse zahlreicher Versuchsballons geben allerdings Grund zur Hoffnung. So wurde beispielsweise zwischen 2015 und 2019 in Island das weltweit größte Feldexperiment einer 4-Tage-Woche durchgeführt. Bei 2.500 Teilnehmenden, wurde bei vollem Gehalt die Arbeitszeit von 40 auf 35/36 Stunden reduziert. Routinen wurden optimiert und Meetings gekürzt oder durch E-Mails ersetzt, andere Aufgaben fielen gar ganz weg. Das Ergebnis: Die Produktivität blieb gleich oder wurde zum Teil gesteigert. Auch gesundheitliche Verbesserungen konnten nachgewiesen werden: Die Arbeitnehmenden waren weniger gestresst und zeigten ein deutlich niedrigeres Burnout- Risiko. Darüber hinaus berichteten die Teilnehmenden von einer ausgewogeneren Work-Life-Balance. Durch die kürzere Arbeitswoche bliebe mehr Zeit für Familie, Hobbies sowie Hausarbeit.22

Das in Island durchgeführte Feldexperiment scheint ein positiver Ansatz zu sein, schaut man sich die besorgniserregende Zunahme psychischer Störungen bei Erwerbstätigen in den letzten Jahren an:

Haben im Zeitraum von 1997 bis 2020 die Arbeitsunfähigkeitsfälle aufgrund psychischer Erkrankungen in Deutschland unter Frauen um 171 und unter Männern um 166 Prozent zugenommen, sind psychische Störungen nach Krankheiten des Muskel-Skelett-Systems mittlerweile die zweithäufigste Ursache für Fehlzeiten am Arbeitsplatz.23 Allein seit 2016 hat die Zahl der Krankschreibungen aufgrund psychischer Erkrankungen sowie die Anzahl der Arbeitsunfähigkeitstage um mehr als 80% zugenommen.24 Ein weiteres, immer häufiger auftretendes Phänomen ist zudem das Burnout-Syndrom. 2020 wurden rund 180.000 Burnout-Betroffene gezählt, die zusammen an 4,5 Mio. Tagen unfähig waren, ihrer Tätigkeit nachzugehen.25

Auch wenn Belastungsfaktoren wie Lärm, Giftstoffe und körperliche Strapazen abgenommen haben, produziert die neue Arbeitswelt stressauslösende Faktoren. So können bei einer anhaltenden Diskrepanz zwischen Arbeitsanforderungen und Möglichkeiten, Ressourcen oder Befugnissen psychische Störungen entstehen. Häufig wird dieses Ungleichgewicht durch mangelnden sozialen Rückhalt am Arbeitsplatz verschärft. Einen ebenso großen negativen Effekt auf die mentale Gesundheit kann eine anhaltende starke Verausgabung etwa in Form von Engagement, Wissen, Zeit oder Leistung sein, ohne dafür eine angemessene Entschädigung zu erhalten. Diese kann sich nicht nur in Lohngerechtigkeit, sondern auch in einer Form von ausbildungsadäquater Beschäftigung, Arbeitsplatzsicherheit oder Weiterbildungs-, Karriere- und Einflussmöglichkeiten widerspiegeln.26

Woran liegt es, dass die Diskrepanz zwischen Arbeitsanforderungen und deren Bewältigungsmöglichkeiten sowie mangelnde Wertschätzung eklatant zunehmen? Kann New Work diesen Veränderungen entgegenwirken oder ist sie gar Teil des Problems?

Zu beobachten ist, dass durch die wirtschaftliche Globalisierung der Leistungs- und Wettbewerbsdruck massiv gestiegen sind. Um diesem Druck entgegenzuhalten, werden Arbeitsprozesse beschleunigt und Aufgaben durch Prozessveränderungen sowie Personaleinsparungen verdichtet. Neben undurchsichtigen Entscheidungsstrukturen wachsen die Anforderungen an räumliche und zeitliche Flexibilität der Mitarbeitenden. Auch die abnehmende Sicherheit von Arbeitsplätzen, in Folge von befristeten Verträgen, Wegfall von Tätigkeitsfeldern oder schlichtweg durch Schnelllebigkeit einzelner Branchen, kann zum Belastungsfaktor werden.27 

Tatsächlich stellt auch der Arbeitswandel unter dem Stichwort New Work Arbeitnehmende vor neue Herausforderungen: Die Umstellung von festen Hierarchien zu mehr Mitsprache und selbstbestimmtem Arbeiten sowie die Einarbeitung in neue Tools und Plattformen kann zur Überforderung führen. Auch die abnehmende direkte soziale Interaktion zu Kolleg:innen durch Fernarbeit kann sich negativ auf das Wohlbefinden ausüben. Darüber hinaus begünstigt zunehmendes Work-Life-Blending die Selbstausbeutung, indem beispielsweise feste Ruhezeiten nicht eingehalten werden oder ein mentales Abschalten durch Vermengung von privatem und beruflichem Kontext beeinträchtigt wird. Außerdem besteht die Gefahr, dass Remote Work dem Arbeitsschutz zuwiderläuft, wenn ein Arbeitsplatz z.B. nicht ergonomisch eingerichtet ist.28 Nach einer Forsa-Umfrage im Auftrag der Techniker Krankenkasse, gaben während der pandemiebedingten Homeoffice-Pflicht vier von zehn Beschäftigten an, sich durch einen schlecht ausgestatteten Arbeitsplatz belastet zu fühlen.29

Ein ambivalentes Bild zeichnet sich ab: Die durch für New Work charakteristische Arbeitsmodelle neu gewonnene Freiheit und Verantwortung können bei Überschreitung von Grenzen dazu führen, dass individuelle Bedürfnisse missachtet werden, sodass Selbstverwirklichung und Ressourcenausgleich erschwert sind. 

Aus diesem Grund ist es wichtig, dass Arbeitgebende und -nehmende im Dialog stehen, um ein adäquates Arbeitsumfeld zu schaffen. Unterstützung finden Beschäftigte dabei bei Gewerkschaften, deren Aufgabe es ist, als unabhängige, demokratische Organisation, als Gesprächs- und Verhandlungspartnerinnen, bessere Arbeitsbedingungen für Arbeitnehmende zu erzielen und deren Interessen zu vertreten. 

Da sich die Stärke von Gewerkschaften jedoch nach ihrer Mitgliederzahl richtet, scheint es prekär, dass diese seit einigen Jahren einen massiven Mitgliederschwund beklagen. Grund dafür ist unter anderem das Entstehen neuer Berufsgruppen, die in klassischen Gewerkschaften ihre Rechte nicht ausreichend gewahrt sehen. Weil auch in Deutschland Arbeitsrechte in vielen Betrieben nicht eingehalten werden (z.B. unbezahlte Überstunden, drohende Entlassung im Krankheitsfall), ist die Arbeit von Gewerkschaften jedoch sehr wichtig. Denn sie setzen sich für faire Löhne, mehr Urlaubstage, kürzere Arbeitszeiten und bessere Arbeitsbedingungen ein. Darüber hinaus bieten sie arbeitsrechtliche Beratungen und rechtlichen Beistand an.30 Eine Anpassung von Gewerkschaften an die neue Arbeitswelt scheint unerlässlich.

Trotz vieler Ambivalenzen ein Konzept mit Zukunft

Leben ohne Arbeit – eine Utopie, die unerreichbar scheint. Aber ein sinnerfülltes Leben mit Arbeit scheint dem Konzept von New Work nach ein mögliches Szenario. Problematisch ist allerdings, dass manche Arbeitsmodelle in der Praxis noch nicht ausreichend auf die individuellen Bedürfnisse der Arbeitnehmenden zugeschnitten sind.Viele psychische Erkrankungen von Erwerbstätigen könnten dadurch vermieden werden. Generell würde durch ein ausbalancierteres Verhältnis zwischen Arbeits- und Privatleben das psychische Wohlbefinden gesteigert. Zahlreiche Fehltage und langfristige Arbeitsausfälle ließen sich minimieren. Debatten um eine 42h-Woche oder ein erhöhtes Renteneintrittsalter wären so trotz des demografischen Wandels vielleicht überflüssig. 

Einen maßgeblichen Beitrag zum Erfolg von New Work könnten Gewerkschaften leisten. Zwischen  Arbeitnehmenden und -gebenden vermittelnd könnten sie in ihrer Funktion als Interessensvertreterin von Erwerbstätigen deren Bedürfnissen mehr Gewicht verleihen.  Denn New Work bedeutet in erster Linie zwar, Arbeit zu einem sinnstiftenden Lebensbereich werden zu lassen und sich im Beruf selbst verwirklichen zu können, aber beachtet werden sollte hierbei, dass individuellen Bedürfnissen entgegenzukommen auch bedeutet, zu akzeptieren, dass nicht jede erwerbstätige Person sich mehr Autonomie und Verantwortung am Arbeitsplatz wünscht oder dezentral arbeiten möchte.

Ob letztendlich angepasste Arbeitsmodelle, optimierte Arbeitsprozesse oder verkürzte Arbeitszeiten nachhaltig nicht nur Erwerbstätige zufrieden stimmen, sondern auch die Produktivität steigern können, wird sich in den nächsten Jahren zeigen.

Ein Blick nach Schweden: Könnten wir noch etwas lernen?

Dass New Work aber durchaus Potenzial hat, die Arbeitswelt im positiven Sinne zu verändern, wird durch einen Blick nach Schweden deutlich: 2015 stellten Forschende des Instituts für Weltwirtschaft (IfW) ihre Untersuchungen zu verschiedenen Sozialsystemen in Europa vor und erklärten, dass Schweden der Spagat zwischen solidem Wirtschaftswachstum, hoher Beschäftigung und gerechter Einkommensverteilung am besten gelinge. Gründe dafür seien eine schnelle Rückführung in den Job, Arbeitsvereinbarungen für beide Elternteile sowie ein hochflexibler Arbeitsmarkt bei gleichzeitiger Verankerung sozialer Bürgerrechte. Die Bereitschaft der schwedischen Bevölkerung sei hoch, diese durch hohe Einkommenssteuersätze zu unterstützen. Somit ergebe sich trotz umfangreicher Sozialleistungen ein stabiles Wirtschaftswachstum.31

Autorin Maike van der Boom erläutert zudem, dass Werte wie Freiheit, Vertrauen und Zusammenhalt in Schweden auch am Arbeitsplatz großgeschrieben würden. Daraus resultiere seitens der Betriebe nicht nur eine große Flexibilität gegenüber ihren Mitarbeitenden. Neben einem starken Fokus auf Teamwork würde kategorisiertes Denken in größerem Maße abgelehnt und man begegne sich auf Augenhöhe. Ein besonderes Erfolgsrezept sei, dass Effizienz nicht in Zeit, sondern in Resultaten und Energie gemessen werde, die in Arbeitsabläufe investiert werden. Überstunden würden nicht nur vermieden, weil Überarbeitung Fehler begünstige, sondern auch, um Angestellte langfristig motiviert im Unternehmen zu halten. Letztendlich sei man nur dann produktiv, wenn man sich auch wohlfühle.32

Sokra, 2022: https://sonjakrause-malerei.de/

1 https://www.zdf.de/verbraucher/wiso/new-work-die-zukunft-der-arbeit-100.html

2 https://karrierebibel.de/new-work/

3 https://de-de.sennheiser.com/businessblog-new-work-advantages-disadvantages

4 https://doku.iab.de/kurzber/2019/kb1119.pdf

5 https://www.tagesschau.de/inland/homeoffice-bitkom-101.html

6 https://doku.iab.de/kurzber/2019/kb1119.pdf

7 ebd.

8 ebd.

9 ebd.

10 https://www.arbeitsrechte.de/arbeitszeiterfassung-ist-pflicht-fuer-alle-stechuhr-urteil-gilt-bereits-jetzt/

11 https://de.statista.com/statistik/daten/studie/76945/umfrage/ueberstunden-der-arbeitnehmer-in-deutschland-seit-2000/

12 https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/arbeitszeiterfassung-konsequenzen-fuer-arbeitnehmer-und-arbeitgeber-1.5657100

13 https://www.zdf.de/verbraucher/wiso/new-work-die-zukunft-der-arbeit-100.html

14 https://www.ndr.de/nachrichten/niedersachsen/hannover_weser-leinegebiet/Umfrage-Immer-mehr-Menschen-vergeht-die-Lust-am-Arbeiten,arbeiten118.html

15 https://www.machtfit.de/bgm-studien/gallup-report-mitarbeiterbindung-sinkt-weiter/

16 https://www.deutschlandfunk.de/arbeitsmarkt-fachkraeftemangel-zuwanderung-arbeitslosigkeit-deutschland-100.html

17 ebd.

18 ebd.

19 https://de.statista.com/infografik/1171/erwerbstaetige-in-deutschland-mit-nebenjob/

20 https://www.ndr.de/nachrichten/niedersachsen/hannover_weser-leinegebiet/Umfrage-Immer-mehr-Menschen-vergeht-die-Lust-am-Arbeiten,arbeiten118.html

21 https://www.fr.de/politik/belgien-vier-tage-woche-arbeitszeit-arbeitnehmer-alexander-de-croo-91353341.html

22 https://www.fr.de/wirtschaft/4-tage-woche-island-experiment-studie-gehalt-deutschland-kritik-ltt-frankfurt-zr-90846940.html

23  https://de.statista.com/themen/1318/psychische-erkrankungen/#topicHeader__wrapper

24 ebd.

25 https://de.statista.com/statistik/daten/studie/239872/umfrage/arbeitsunfaehigkeitsfaelle-aufgrund-von-burn-out-erkrankungen/

26 https://www.neurologen-und-psychiater-im-netz.org/psychiatrie-psychosomatik-psychotherapie/risikofaktoren/arbeitsleben/belastungsfaktoren

27 ebd.

28 https://de-de.sennheiser.com/businessblog-new-work-advantages-disadvantages

29 https://www.tagesschau.de/wirtschaft/unternehmen/homeoffice-anspruch-arbeitsminister-heil-101.html

30 https://www.personalwissen.de/arbeitsrecht/mitbestimmung/gewerkschaft/

31 https://www.ifw-kiel.de/de/publikationen/medieninformationen/2015/skandinavien-hat-die-erfolgreichsten-sozialsysteme-europas/

32 https://workliferomance.de/warum-sind-skandinavier-auch-auf-der-arbeit-so-glucklich

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